Vor einigen Tagen habe ich in Göteborg auf der ECER eine Präsentation über "Philosophische Aspekte virtuellen Lernens" gehalten. Gleich auf der zweiten Folie habe ich als Beispiel den Screenshot einer Fehlermeldung von Windows abgebildet: "Virtual Memory Too Low". Als diese Folie an der Reihe war wurde der Saal merkwürdig unruhig. Schließlich wollte mich eine Person im Raum darauf aufmerksam machen, dass etwas mit meinem Computer nicht stimmt (dabei arbeite ich mit Ubuntu). Ich hatte mit einer solchen Reaktion nicht gerechnet und bin verwundert: Computer und der Umgang mit ihnen sind so alltäglich, dass ihre Bildsprache selbstverständlich geworden ist.
Eben in dieser Selbstverständlichkeit sehe ich eine Notwendigkeit für philosophische Überlegungen und ganz besonders was das meistgebrauchte Worte in der Beschreibung von Computer und Internet angeht: "virtuell". Es gibt kaum eine Netztheorie, die nicht über dieses Wort reflektiert. Aber ich frage mich, ob wir dieses Wort tatsächlich in einer einheitlichen Art und Weise verwenden, oder ob wir unter "virtuell" nicht eine Heterogenität an Bedeutungen zusammenfassen, von der nur schwer zu sagen ist, was allen Bedeutungen gemeinsam sein soll. Es handelt sich um ein Sprachspiel unserer Zeit und Computer und Internet motivieren uns zu ontologischen und metaphysischen Gedanken. Ich habe die Verwendung dieses Wortes im Umfeld der Mediendidaktik und des Lernens mit Computer und Internet analysiert und sehe wenig Anhaltspunkte für eine einheitliche Theorie der Virtualität, wie sie etwa Pierre Lévy aufzeigt.
Wer Interesse am Thema hat: Hier mein Artikel dazu in der Zeitschrift MedienPädagogik -- natürlich "virtuell".
Eines der bekanntesten und kontroversesten Bücher von dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz ist seine Theodizee. Sie trägt den langen Titel "Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels" und ist 1710 in Amsterdam erschienen. Hautsächlich ist sie motiviert durch eine Auseinandersetzung mit dem aufklärerischen "Dictionnaire historique et critique", das Pierre Bayle einige Jahre zuvor veröffentlicht hat. Diese Auseinandersetzung fand nun weniger zwischen Leibniz und Bayle statt, als vielmehr zwischen Leibniz und der Königin Sophie Charlotte von Hannover.
Wie Leibniz in einem Brief schreibt, ist die Theodizee aus Konversationen und Schriftstücken zwischen ihm und der Königin hervorgeganen. Sein Hauptanliegen war es dabei, die Königin von der Nichtigkeit der Einwände von Bayle zu überzeugen. Nachdem die Könin unerwartet gestorben war, formte Leibniz -- wohl auch zum literarischen Andenken an die von ihm sehr geschätzte Sophie Charlotte -- aus den Schriftstücken die Theodizee. Deswegen wirkt das Werk auch weniger systematisch und gleicht eher einer wilden Aneinanderreihung ähnlicher Argumente.
Inhaltlich argumentiert Leibniz in der Theodizee natürlich für die Welt als die beste aller möglichen Welten. Um diese These zu verdeutlichen: Nach Leibniz ist in der Welt in der wir leben das meiste Glück und das wenigste Unglück realisiert! Ich brauche wohl nicht weiter darauf einzugehen, dass es dabei um eine sehr kontraintuitive These handelt. Obendrein reicht es Leibniz schon aus, Hirngespinste als Argumente für diese These gelten zu lassen. So erwidert er etwa dem Einwand, das Übel überwiege auf der Welt, mit einem Hinweis auf die Möglichkeit uns unbekannter aber intelligenter Kreaturen irgendwo im Universum, die die Quote des Glücks nach oben korrigierten. Er erklärt explizit, dass man diese Tatsache nicht beweisen könnte. Die Wahrheit einer solchen Möglichkeit spielt für ihn also keine Rolle.
Leibniz als der Philosoph der großen Vernunftprinzipien denkt dabei natürlich daran, dass die Möglichkeit als solche schon ausreichend ist für ihre Wirklichkeit. Denn nach Leibniz kann der perfektionistische Gott nicht anders, als die beste aller möglichen Welten zu realisieren. Demnach reicht ihm jedes Hirngespinst als Argument für seine Theodizee, solange nur die Quantität von Glück erhöht wird.

Etwa auf den heutigen Tag vor 159 Jahren erschien Kierkegaards Buch "Die Krankheit zum Tode" (dänischer Titel "Sygdommen Til Døden"). Wenn man Kierkegaard etwas aufmerksamer liest stellt man schnell fest, dass er häufiger in seinen Texten sich wiederholende Phrasen als rhetorisches Mittel einsetzt. Auch in diesem Buch ist das oft der Fall und in den Wiederholungen bringt er zwei wichtige Begriffe seiner Philosophie auf den Punkt, nämlich das Selbst und die Verzweiflung.
Das Buch beginnt gleich im ersten Abschnitt mit einer vielzitierten Passage über das menschliche Selbst -- diese Stelle ist auch auf der abgebildeten Manuskriptseite im untersten Abschnitt zu sehen.
"Der Mensch ist Geist. Was aber ist Geist? Der Geist ist das Selbst. Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist dasjenige am Verhältnis, dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern dass das Verhältnis sich zu sich selbst verhält"
Das Interessante an dieser Stelle ist -- und nach Ernst Tugendhat ist Sören Kierkegaard einer der ersten Philosophen, der diesen Punkt überhaupt in Worte gefasst haben -- dass der Mensch sich zu sich selbst verhalten kann. Dabei bestimmt Kierkegaard das menschliche Selbst nicht als etwas Gegenständliches sondern als ein Verhältnis, in dem man sich zu sich selbst verhält. Und um es genau wiederzugeben: Das Selbst ist das Dass dieses Verhältnisses. Ein solches Verhältnis ist etwa der Umgang mit sich oder die Aneignung von sich bei einer Handlung. Es ist Sören Kierkegaard ein großes Anliegen in seiner Philosophie die ethische Relevanz dieses Selbstverhaltens herauszuarbeiten.
Gemeint mit der Krankheit zum Tode ist die Verzweiflung (dän. "Fortvivlese") und diese bringt Kierkegaard auf die folgende Formeln: "Verzweifelt nicht man selbst sein wollen" und "Verzweifelt man selbst sein wollen". Verzweifelt ist man, da man sein eigenes Ideal nicht loswerden bzw. erreichen kann. Im ersten Fall möchte man nicht derjenige Mensch sein, der man eigentlich ist. Im zweiten Fall möchte man ein anderer Mensch sein, ein selbst erdachtes Ideal. Beides ist nach Kierkegaard nicht möglich, denn im Sichzusichverhalten verhält man sich stets gegenüber etwas Zukünftigem. Martin Heidegger würde hier vom Entwurf des Daseins sprechen und dieser Wurf ist nach vorne gerichtet, also in die Zukunft.